Anja Lüthy im Interview

Anja Lüthy kommt aus Berlin, ist 57 Jahre alt und Diplompsychologin und Diplomkauffrau (FH). Seit 2001 arbeitet sie als BWL-Professorin an der TH Brandenburg. Außerdem ist sie nebenberuflich als Beraterin, Speakerin und Team-Coach in bundesdeutschen Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens tätig, überwiegend in Krankenhäusern. Auch mit Einrichtungen der AWO und der LEBENSHILFE arbeitet sie eng zusammen.

Als Expertin für Employer Branding, Kommunikation via Social Media, Online-Recruiting und Personalmarketing befassen Sie sich insbesondere mit Gesundheitseinrichtungen. Warum?

Als ich 1991 als Referentin im Deutschen Herzzentrum Berlin gearbeitet habe, trudelten jede Woche rund 70 Bewerbungsmappen von jungen Ärzten ein. Das waren die Babyboomer, die auf den Arbeitsmarkt strömten. Niemand konnte sich damals vorstellen, dass sich dieser Zustrom an Bewerbungen jemals ändert. Marketing für Kliniken war damals noch sehr verpönt. Das Wort „Personalmarketing“ gab es damals schlichtweg noch gar nicht. Heute bekommen Personalabteilungen sehr wenige Bewerbungen und die Generationen X und Y können sich aussuchen, in welcher Einrichtung sie arbeiten. Unternehmen der Gesundheitsbranche müssen sich sehr anstrengen, um Mitarbeiter zu finden. Ohne professionelles Personalmarketing ist Personalsuche heute kaum vorstellbar.
Ich bin der festen Überzeugung, dass die Mehrzahl deutscher Krankenhäuser viel erfolgreicher offene Stellen besetzen könnte, wenn sie endlich Employer Branding, Online Recruiting und Personalmarketing via Social Media professionell umsetzen würden. Hierfür müssen sie allerdings investieren und ihre Haltung gegenüber Online-Medien verändern. Da die Babyboomer, die noch in den kommenden zehn Jahre in Leitungsfunktionen als Entscheider tätig sind, eher „digitale Skeptiker“ sind, wird sich perfektes Employer Branding wohl erst in rund zehn Jahren richtig durchgesetzt haben.

Und wie steht es dabei um den Einsatz von Instagram, Twitter und TikTok? Fällt Ihnen ein gelungenes Praxisbeispiel einer Gesundheits- und Sozialeinrichtung ein?

Das Klinikum Dortmund ist seit kurzem bei TikTok, um die Generation Z auf sich aufmerksam zu machen https://www.klinikumdo.de/unternehmen/karriere/karriereportal. Am besten gefällt mir der Online-Karriere-Auftritt der Diakonie Deutschland, den Maja Schäfer und ihr Team in den letzten sieben Jahren sehr professionell „aus dem Boden gestampft“ haben (https://karriere.diakonie.de/). Wenn man sich auf den Diakonie – Kanälen „herumtreibt“, Filmclips anschaut, Blog Artikel liest und zahlreichen Corporate Influencern auf YouTube begegnet, bekommt man wirklich Lust, sich zu bewerben. Wenn man sich dagegen die Facebook-, Instagram- oder Twitter Kanäle der wenigen Kliniken, die sie überhaupt nutzen, anschaut, merkt man sofort, dass diese noch sehr viel Potenzial haben.

Gibt es branchentypische Herausforderungen beim Einsatz von Social Media für Kliniken und Pflegeeinrichtungen?

Krankenhäuser sind wirtschaftliche Unternehmen mit sehr schweren Arbeitsbedingungen. In drei Schichten werden hier rund um die Uhr und am Wochenende kranke Menschen von Ärzten, Pflegenden und Therapeuten versorgt. Tod und Sterben gehören zum Alltag und die Personaldecken sind aufgrund von Sparmaßnahmen sehr gering. Umso wichtiger ist es, tolle Teams aufzubauen und eine Arbeitsplatzkultur zu schaffen, in der alle MitarbeiterInnen gerne arbeiten. Dass das Arbeiten in einer Klinik, die sich als „Caring Company“ und attraktiver Arbeitergeber mit richtig gut führenden Vorgesetzten versteht, Freude macht, kann man im zweiten Schritt auch – im Rahmen von Employer Branding, Kommunikation via Social Media, Online-Recruiting und Personalmarketing – kreativ kommunizieren.

Am 6. und 7. Mai 2020 findet in Köln das #RC20 Festival statt. Dort eröffnen Sie mit Ihrer Keynote den Branchenstream zum Thema Medizin & Pflege im Kontext von Employer Branding, Personalmarketing und Recruiting. Was dürfen die BesucherInnen dort von Ihnen erwarten?

In Zukunft wird es für Gesundheits- und Sozialeinrichtungen nicht einfacher, neue und vor allem gute Mitarbeiter der verschiedenen Berufsgruppen zu finden und zu binden. Umso wichtiger wird es, dass auch Krankenhäuser und soziale Einrichtungen die digitalen Möglichkeiten des modernen Recruitings umfassend nutzen. Darum geht es in meinem Vortrag. Ich werde auf dem #RC20 berichten, wie Einrichtungen der Gesundheits- und Sozialbranche zunächst eine Unternehmenskultur aufbauen und danach Smartphone-Apps nutzen können. Ich werde außerdem vorstellen, wie die Generationen Y und Z digital ticken und was sie von potenziellen Arbeitgebern in der real – analogen und in der digitalen Arbeitswelt erwarten. Ich gehe darauf ein, welch große Rolle heute sogenannte „Corporate Influencer“, Jobbotschafter aus dem eigenen Unternehmen, bei der Personalsuche spielen. Junge Ärzte, Pflegende und Therapeuten möchten nämlich in Einrichtungen arbeiten, die Freunde und Bekannte ihnen empfehlen. Sie wollen die gute Unternehmens- und Arbeitsplatzkultur digital auf allen Kanälen spüren und im realen Leben tatsächlich erleben.